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WM-Helden rocken Oberstdorf
Großer Bahnhof für Johannes Rydzek, Katharina Althaus und weitere Medaillengewinner. Doppelweltmeister bedankt sich bei über 5.000 Fans mit einem Luftgitarren-Solo und spricht von „ganz tiefen Gefühlen“
Johannes Rydzek wirkt überraschend frisch. Die Strapazen von zwei Wochen WM, der Interview-Marathon danach und das Händeschütteln und Schulter-Klopfen-(Lassen) haben beim 23-jährigen Oberstdorfer kaum Spuren hinterlassen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass der Vierfach-Medaillengewinner der Nordischen WM in Falun noch einmal eine gehörige Hormon-Ausschüttung erlebt. Denn einen solch begeisterten Empfang hätte sich Rydzek, wie er selbst sagt, „nicht im Traum vorstellen können“. „Wahnsinn, was hier abgeht“, schwärmt Rydzek, als er zusammen mit der Weltmeisterin im Mixed-Skispringen, Katharina Althaus, am Oberstdorfer Bahnhof ins offene Cabrio steigt und begleitet von Musikkapelle und Fackelträgern Richtung Nordic Park gefahren wird. Die Fußgängerzone ist dicht gesäumt mit Menschen, ein Sponsor hat Deutschland-Fähnchen verteilt, und immer wieder brandet großer Beifall auf. „Ritschie, Ritschie“-Sprechchöre“ sind zu hören, aus dem Fenster schreit eine Frau „super Kathi!“. Rydzek und Althaus winken strahlend zurück und präsentieren stolz ihre Medaillen. Auch vom plötzlich einsetzenden Regen und (später) dichten Schneefall lässt sich niemand stören.
In der Karawane folgen weitere erfolgreiche Sportler des Skiclubs Oberstdorf, die zuletzt Medaillen bei Junioren-Weltmeisterschaften abgeräumt haben: die Langläuferinnen Laura Gimmler und Sophie Krehl, Skispringerin Gianina Ernst sowie die Telemarker Johanna Holzmann und Jonas Schmid. Während diese Sportler, gefolgt von Trainern und Betreuern, auf der Bühne bereits interviewt und gefeiert werden, klettern Rydzek, Althaus und Frauen-Bundestrainer Andreas Bauer noch flugs auf den Balkon der ehemaligen Kur-Apotheke und lassen bei der Live-Schaltung des Bayerischen Fernsehens die WM noch einmal Revue passieren. „Ich kann’s nicht glauben, so viele Leute“, sagt Katharina Althaus. Ein kurzer Stromausfall just in dem Moment, als Althaus und Rydzek über den Laufsteg auf die Bühne gebeten werden, nehmen Sportler und Fans mit Humor. „Bis zur WM 2021 kriegen wir das auch mit dem Ton und dem Licht noch hin“, scherzt Moderator Jens Zimmermann. Nach einer ohrenbetäubenden Salve der Böllerschützen fließt plötzlich wieder der Strom. Rydzek bedankt sich bei den zahlreichen kleinen SCO-Buben und Mädchen, die ihr Idol statt mit Superman- mit Super-Ritschie-T-Shirts begrüßt haben. Rydzek spricht „von ganz tiefen Gefühlen“ und versetzt seine Fans noch einmal unter Hochspannung: Nachdem er in Falun sein Paar Sprungski zur Luftgitarre umfunktionierte, spielt er jetzt seinem Anhang auf einer aufblasbaren Plastikgitarre ein starkes Ständchen: „Thunder“ von AC/DC. Das Volk tobt – und Rydzek hat beim Bad in der Menge sichtlich Spaß. Moderator Jens Zimmermann entlockt Skispringer Michael Neumayer noch, dass er vermutlich eine Saison dranhängt („Ich geh davon aus, dass ich bei der nächsten Tournee hier wieder dabei bin“) und fragt Bürgermeister Laurent Mies, ob Rydzek sich denn nun ein Filetgrundstück aussuchen dürfe: „Jetzt soll er sich erst mal ins Goldene Buch eintragen“, kontert Mies, „alles weitere klären wir unter vier Augen.“ Der weltmeisterliche Abend endet im Oberstdorf Haus – bei Gulaschsuppe, Weißwürst´l und Weißbier. „Loss di drucka“, war der häufigste Satz, den die Weltmeister Althaus und Rydzek von Freunden, Nachbarn und Clubkollegen hören. Die Schultern der beiden kriegen ganz schön was ab, dafür wird die Brust immer breiter ...
Text: Thomas Weiß/ Allgäuer Zeitung